Programme

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Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir keine Ahnung von Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln. Wir sind vollkommen in Ordnung so, wie wir sind und entdecken voller Neugierde spielerisch die Welt. Dann aber machen wir die Erfahrung, dass unsere Eltern in einer ganz bestimmten Art und Weise auf uns reagieren und lernen sehr schnell, was erwünscht ist und was nicht. Kinder wissen instinktiv, dass sie nicht ohne ihre Eltern überleben können, weshalb sie sich automatisch in die Lebensgewohnheiten der Familie einfügen. Und das ist für die Zeit als Kind auch gut so, denn es sichert unser Überleben innerhalb des Rudels. Als Mensch lernen wir durch Nachahmung und gehen als Kinder davon aus, dass uns unsere Eltern die sicherste Art des Überlebens beibringen.

 

Während unserer ersten sieben Lebensjahre eignen wir uns das Verhalten unseres Umfeldes an. Wir lernen in dieser Zeit recht rasch zu erkennen, wenn wir etwas falsch gemacht haben, sobald wir durch Worte oder abweisendes Verhalten bestraft werden. Wir nehmen in so einem Fall aber auch ganz automatisch an, wir hätten diese Art von Strafe verdient. Es liegt in unserer menschlichen Natur gemocht werden zu wollen, weshalb eine emotionale Ablehnung lebensbedrohlich erscheint. Deshalb versuchen wir uns in Zukunft so zu verhalten, wie es gewünscht wird, um einer weiteren Ablehnung zu entgehen. Das ist die Geburtsstunde des inneren Kritikers, dessen Aufgabe es ist darauf aufzupassen, dass wir uns nicht in Gefahr bringen und uns an das halten, was die Eltern uns sagen. Als Kinder prägen wir uns daher die familiären „Spielregeln“ gut ein und „wissen“ was sich gehört oder eben nicht. Unser Kritiker ist somit erst einmal eine sinnvolle Einrichtung, da er uns so die Zuneigung der Eltern und damit unser Überleben sichert.

 

Das Erlernen dieser Verhaltensregeln und Verbote ist auch nicht das eigentliche Problem, da sie nicht zu Selbstablehnung und Minderwertigkeitsgefühlen führen. Das eigentliche Problem ist, dass uns keiner beigebracht hat bei einer Beurteilung unser Verhalten von uns selbst zu unterscheiden. Wir glauben dann, dass wir ein schlechter Mensch sind, nur weil wir etwas „Schlechtes“ getan haben. Wir lernen also sehr früh uns mit unserem Verhalten zu identifizieren. Dh. wenn wir uns „richtig“ verhalten, gestehen wir uns auch zu liebenswert zu sein. Dann, aber auch nur dann haben wir eine liebevolle Behandlung verdient. Dies gilt natürlich auch umgekehrt. Mache ich etwas verkehrt, dann bin ich auch als Mensch nicht in Ordnung. Mache ich etwas „falsch“, dann bin ich als Mensch fehler- und mangelhaft. Bin ich z.B. ängstlich, dann halte ich mich für einen Feigling. Ich identifiziere mich dann mit dem Begriff Feigling und es entstehen dadurch logischerweise Selbstablehnung und Minderwertigkeitsgefühle. Wir lernen somit schon in unseren Baby- und Kleinkindertagen geringschätzig von uns zu denken.

 

Wir lernen als Kinder, dass bestimmte Bedürfnisse, Verhaltensweisen oder Gefühle schlecht sind und, dass auch wir schlecht sind, wenn wir diese haben. Was werden wir später als Erwachsener von uns zwangsläufig denken, wenn wir wünschen, was man nicht wünschen sollte, wenn wir tun, was man nicht tun sollte und, wenn wir Gefühle haben, die man nicht haben sollte? Wir werden uns gelinde ausgedrückt für sehr unvollkommen halten und unser innerer Kritiker wird uns als Stimme im Kopf ein Gefühl der Minderwertigkeit vermitteln. Aus unserem einstigen Beschützer ist mittlerweile ein herrschsüchtiger und ungerechter Diktator geworden, der uns schikaniert, kritisiert und fertig macht. Er sieht nur Fehler und findet immer etwas auszusetzen. Unsere Selbstablehnung, Verachtung und unser Selbsthass wird damit mehr und mehr verstärkt.

 

Als Erwachsene sind wir nicht wie unsere Eltern und wollen auch in vieler Hinsicht nicht so sein. Wir haben andere Wünsche, Träume, Wertigkeiten und Moralvorstellungen im Leben. Meist haben wir auch andere Talente und Fähigkeiten wie sie. Im Grunde sollte es dann ok sein eigene Regeln aufzustellen, nach denen wir leben wollen. Doch genau hier läuft etwas gewaltig schief, denn wir halten uns auch weiterhin an die übernommenen Programme. Wir tragen ein Bild in uns, wie Frau und Mann zu sein hat und ahmen dieses Verhalten entweder nach oder leben in ständiger Rebellion gegen die innerfamiliären Vorgaben, was dazu führt, dass wir uns selbst nicht liebevoll in unserem Anderssein annehmen können. Unser innerer Kritiker weiß weder etwas von unserem Potential, noch von unseren Fähigkeiten und Talenten, sondern fordert einfach nur so zu sein, wie unser Programm es von uns verlangt und maßregelt uns, wie ein kleines Kind, sobald wir uns nicht daran halten.

 

Was haben wir also genau gelernt? Wir haben gelernt, dass wir nur liebenswert sind, wenn wir uns so verhalten, wie uns andere haben wollen. Wir „wissen“ jetzt, dass wir uns Liebe in Form von Anpassung verdienen müssen, oder dass es einen hohen Preis hat, sollten wir doch auf die Idee kommen nicht zu entsprechen. Wir machen unseren Selbstwert und unserer Fähigkeit zur Eigenliebe von den Reaktionen der anderen abhängig. Ja, wir sind dann tatsächlich von ihrer Gunst abhängig, da wir uns selbst nur liebend annehmen dürfen, sobald wir ein positives Feedback bekommen haben. Und warum ist das so? Weil wir unseren innerer Kritiker - den ewig anwesenden Stellvertreter unserer Eltern, Lehrer etc. -, vor dem wir nicht die Flucht ergreifen können, zwangsläufig auf unser Gegenüber projizieren. Unsere äußeren Begegnungen werden somit zum verlängerten Arm unserer alten inneren Programme und aktivieren in uns die für uns typischen Kampf-Flucht-Muster. Wir versuchen dann entweder zu entkommen, indem wir uns von Menschen entfernen oder gleich ganz den Ort des Geschehen wechseln, oder aber wir leben im ständigen Kampf und versuchen damit die Kontrolle zu behalten. Beide Überlebensstrategien kosten viel Energie, lösen Stressreaktionen aus und können uns krank machen – eines können sie jedoch nicht: uns glücklich machen!

 

Im Laufe unseres Lebens machen wir die Erfahrung, dass all das Vermeiden, Davonlaufen oder Kämpfen nichts nützt, da wir uns ja selbst immer mitnehmen. Wir beginnen zu erkennen, dass letztlich nur die „Schauspieler“ in unserem Lebensdrama wechseln, deren Rollen jedoch meist recht unverändert bleiben. Wir beginnen zu verstehen, dass es in unserer Natur liegt, geliebt werden zu wollen. Da wir aber aufgrund unserer meist völlig unbewussten Minderwertigkeitsgefühle und unserer Selbstverachtung nicht dazu in der Lage sind, werden wir wieder und wieder versuchen diese fehlende Liebe und Zuwendung im Aussen von anderen zu erhalten. Zwangsläufig befinden wir uns in einem permanenten Mangelzustand und sehnen uns nach dessen Befriedigung.

 

Deshalb buhlen wir auch als Erwachsene um Liebe und Anerkennung und wir tun dies auf die unterschiedlichste Art und Weise. Wir tun vieles nur, um anderen zu imponieren oder diese zufrieden zu stellen und bei Laune zu halten. Wir versuchen mit Leistung, Erfolg und materiellem Besitz zu der dringend benötigten Anerkennung zu kommen. Wir sagen Ja, obwohl wir Nein sagen möchten, sagen nichts um des lieben Friedens willen, wir unterdrücken eigene Bedürfnisse und Wünsche und haben Angst, unsere Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, da wir damit bei anderen in Ungnade fallen könnten. Liebe und Anerkennung im Außen zu bekommen, hat immer einen hohen Preis und ist letztlich auch von Misserfolg gekrönt, weshalb wir uns dann - alle mehr oder weniger - auch den unterschiedlichsten Möglichkeiten der Ersatzbefriedigung zuwenden: dem Konsum von Gütern jedweder Art. Wir kaufen und konsumieren was das Zeug hält. Durch die entstehenden Belohnungsrituale wie z.B. Shopping oder Essen werden die gleichen Botenstoffe im Gehirn freigesetzt, die sonst durch Nähe, Verbundenheit und Anerkennung aktiviert werden. Doch langfristig hält all das Zeug leider nicht was es verspricht, sondern löst wie bei jedem Suchtverhalten etwas ganz Typisches aus: wir brauchen mehr davon!

 

Ringen wir uns einmal durch, das zu tun, was wir möchten, dann haben wir ein schlechtes Gewissen und fühlen uns schuldig, auch wenn unser Verstand uns sagt, dass es verdammt nochmal unser gutes Recht ist, zu tun, was wir möchten. Aber auch hier stellt sich wieder die Frage: Warum tun wir das? Wir verhalten uns so, weil wir alles was uns heute ausmacht durch Nachahmung übernommen haben: die Art zu denken, Gefühle zu zeigen, emotional zu reagieren und zu handeln, aber auch, wie wir mit unserem Körper und unserer Sexualität umgehen. Wir haben dabei sinnvolle Dinge übernommen, aber auch weniger sinnvolle Verhaltensweisen. Das größte Problem ist aber, dass wir nie gelernt haben, diese erlernten Verhaltensregeln zu modifizieren und auf unsere eigentliche Natur und die Gegenwart anzupassen. Was für den einen sinnvoll, mag für den anderen völlig unbrauchbar sein. Was früher ein no-go war, ist heute nicht der Rede wert.

 

Hier laufen also teilweise unbrauchbare und völlig veraltete Programme in uns und es wird Zeit für ein up-date. Sollten unsere inneren Programme Rahmenbedingungen vorgeben, die uns nicht dienlich sind, ist es völlig sinnlos zu versuchen sich außerhalb dieser Vorgaben durchs Leben zu bewegen, da wir letztlich an uns selbst scheitern werden. Aber es gibt Abhilfe: wir können unsere unbewussten Programmierungen umprogrammieren und damit beginnen, uns nach und nach als genau der Mensch der wir sind, mit unserer Art und all unseren Bedürfnissen und Gefühlen anzunehmen. 

Bild: DaMentalVaporz
Bild: DaMentalVaporz